Eyal Pinkas (*1980 in Haifa) ist Fotokünstler. Er studierte Kunst und Fotografie an der Gerrit Rietveld Akademie Amsterdam und an der Bezalel Akademie Tel Aviv. Er lebt und arbeitet in Heidelberg und Tel Aviv.
Eyal Pinkas fotokünstlerisches Arbeiten kreist um die Möglichkeiten seines Mediums. Seine Bildwelten zeigen kein Interesse am Ablichten der gegebenen Welt, sondern sind eher prä-zise gestaltete Parallelwelten, die er im fotografischen Raum konstruiert. Zum Teil entste-hen sie, indem der Künstler die Hoheit des Prozesses an die Fotosoftware und ihre Algo-rithmen abgibt. Dabei interessieren den Künstler ausdrücklich räumliche Zusammenhänge. Insbesondere der Gartenrum ist ein Thema, das immer wieder auftaucht, oder die uns um-gebende Alltagswelt mit ihrer Vielzahl an Dingen und billigen Massenprodukten. Pinkas räumliche Befragungen und Untersuchungen von Objekten werden zu einer Wirklichkeit, die man als andersgelagerten Vorschlag zum Gegebenen lesen könnte.
Auch wenn nichts reproduziert wird, das Gegenständliche ist eindeutig zu erkennen – als Matratze, Apfel, Stuhl, Spülschwämmchen, Klappkiste, Plastikschuh oder Gießkanne er-scheint es auf merkwürdige, bizarre oder manchmal zauberhafte Weise neu.
Für das Gießkannenmuseum hat Eyal Pinkas die ortsbezogene Arbeit „Garden Amusements“ entwickelt. Auf der großen Wand setzen sich die Fotografien aus verschiedenen Serien col-lageartig zusammen – sie alle beziehen sich auf den Gartenraum als Referenzfeld. Zeitlich liegt ihre Entstehung zum Teil weit auseinander, verbunden werden sie jedoch durch das Thema des vom Menschen eingehegten Naturraumes. Alle hier aufscheinenden Motive las-sen sich auf diesen Kontext beziehen.
Eyal Pinkas nimmt unsere Welt fotografisch unter die Lupe, indem er sie seziert. Häufig zer-legt er Gegenstände, die wir alle kennen, in Einzelteile, um zu irritierenden Bildlösungen zu kommen, aber vielleicht auch, um den Dingen auf den Grund zu gehen, um durch Verfrem-dung mehr über sie zu erfahren. Oder er lässt Gegenstände schweben, die eigentlich stets festen Boden unter den Füßen haben. Pinkas widmet sich banalen Gegenständen mit Hin-gabe und Ausdauer; er unterscheidet nicht zwischen „high and low“. Und so wird auch ein plumper Plastikschuh bildwürdig, der seit 2002 seinen weltweiten Siegeszug als wasserfes-ter Kultschuh angetreten hat und nicht nur an den Füßen von Gartenmenschen zu finden ist – der Crocs Clog.
Am Ende seiner akribischen Bearbeitungen stehen oft Bildmotive, denen etwas Skulpturales anmutet. Häufig geht Eyal Pinkas wie ein dreidimensional arbeitender Künstler vor, indem er die Dinge, die er für seine Bildwelten ausgesucht hat, tatsächlich zerlegt und neu zu-sammenbaut oder mehrere Anordnungen im Raum ausprobiert und temporäre Skulpturen schafft.
„Alternativer Frühling“ ist eine Serie, die sich ganz konkret unserem Sammlungsgegenstand widmet. Hier werden handelsübliche Plastikgießkannen in viele Teile zerlegt und anschlie-ßend wieder zusammengesetzt. Während des Prozesses der Rekonstruktion wurde jeder einzelne Schritt des Hinzufügens fotografisch festgehalten und abschließend alle Bilder in Photoshop zu einem Bild mit mehreren Ebenen zusammengefügt.
So besteht jedes einzelne Bild der Serie aus so vielen Fotografien wie hinzugefügten Einzel-teilen – jeweils aus etwa 35 Aufnahmen. Die Gießkanne ist klar als solche zu erkennen, wirkt jedoch merkwürdig brüchig, opak und irgendwie geisterhaft. Sie scheint vielmehr eine sich gerade auflösende Erinnerung an eine Gießkanne zu sein, als eine wirklich konkrete, die tatsächlich handhabbar ist.
Die Serie „Greenhouse“ bleibt thematisch auch im Garten und ist bereits 2008 entstanden. Hier entwickelt das Gestänge eines kleinen Gewächshauses aus dem Baumarkt ein Eigenle-ben. Der Künstler baut es immer wieder falsch zusammen. So entstehen keine Behausun-gen, sondern unterschiedliche Gebilde, die zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Sie mögen manchmal an Insekten oder auch an Foltergerätschaften erinnern. Die schlaglichtartige Be-leuchtung macht das Ganze zu einem theatralen Bühnengeschehen. Einmal nicht hinge-schaut – und schon hat sich wieder etwas bewegt oder verwandelt. „Greenhouse“ ist ko-misch, rührt in seiner Hilflosigkeit aber auch an – denn man scheint bei einem ganz eigenen und einsamen Ballett zugegen zu sein.
„Pinkas künstlerische Beschäftigung mit temporären Raumskulpturen reicht in seine Zeit an der Gerriet Ritveld Akademie in Amsterdam zurück. Während seines Studentenjobs in einem Hotel schichtete er über Nacht die Einrichtungsgegenstände des Frühstücksraums immer wieder neu übereinander und lotete hiermit die Möglichkeiten der Objekte im Raum aus. Ähnlich geht er in der Arbeit ‚the landing‘ vor, aufgenommen in verschiedenen Schlafzimmern, wo Matratze und Bettgestell zur Skulptur werden. In der Abfolge der Aufnahmen innerhalb der Serie, erinnern diese an die Landung eines interstellaren Raumschiffes.
Die Arbeiten von Eyal Pinkas stellen unsere Wahrnehmung von fotografischen Bildern auf die Probe. Das erreicht er durch Zitate aus der Produktfotografie und dem Zusammenspiel von rea-lem Raum und Modell. Beim Betrachter entsteht eine Irritation über Größenverhältnisse und nicht zuletzt über die Orientierung in digital errechneten Räumen.“ (Stefanie Keinsorge)
Mit Bildstörungen, Irritation oder Verschiebung antwortet Eyal Pinkas auf unsere Dingwelt und schafft Räume, in denen sich die Gegenstände verselbstständigen. Man braucht einen Moment, um sich diesen eigenartigen Bildräumen anzunähern. Die Irritation kommt nicht mit einem Paukenschlag daher, sondern eher subtil. Die Fotografien liefern keine Botschaf-ten, sondern fordern unsere Sehgewohnheiten heraus. Dies tun sie meistens auf stille, aber auch humorvolle Weise. Leigh Robb, Kuratorin für zeitgenössische Kunst, vergleicht Pinkas humorvollen Ansatz mit dem des Schweizer Künstlerduos Fischli & Weiss, das mit seinen skurrilen Szenerien und Stillleben aus dem Alltagskontext berühmt wurden.
Wir haben Eyal Pinkas über eine befreundete Künstlerin kennengelernt, die dem Museum schon lange verbunden ist. Als sie uns mitteilte, da gäbe es einen Künstler, der Gießkannen fotografiere, waren wir etwas irritiert. Welcher ernstzunehmende aktuelle Künstler macht denn sowas? Dass hinter diesen Gießkannenbildern sehr viel mehr steckt, als ihre poppige Erscheinung auf den ersten Blick vermittelt, durften wir gleich in der ersten Begegnung mit Eyal erfahren. Wir haben einen Fotografen kennengelernt, der den Dingen auf den Grund gehen möchte und der mit den technischen Möglichkeiten seines Mediums spielt, aber vor allem auch einen, der den Humor als Erkenntnismittel ernst nimmt.
Wir finden: Eyal Pinkas Bildwelt fügt sich gut in unseren Kosmos an Bewässerungsgefäßen ein und öffnet ihn gleichzeitig für neue Perspektiven und Fragen.
Text: Ingke Günther, for the exhibition Garden Amusements, in the Gießkannenmuseum, Gießen, Germany.
Eyal Pinkas is a photographer, holding a masters’ degree from the Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem and a bachelor’s degree from the Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. His studies in Europe resulted in themes of alienation and detachment alongside the internalization of abstract and textural photography, raising typological questions on the essence of photography itself. Pinkas’ latest body of work corresponds with the advertising world and explores cheap objects and goods, which as photographic representation get elevated in the semantic space of culture.
On the edges of surrealism, Pinkas creates delicate and meticulous compositional installations of objects and life-like sets, encompassing suggestive anomalies, such as solid colors or variable textures. His photography is brought to the verge of the abstract in certain points, successfully elevating the photographic language beyond the documentary and emotional aspects, which usually tie it to the immediacy of our world. The minimal shifts seemingly demolish the entire set up, exposing its lack of base. Despite the complete lack of human presence in his photos, Pinkas selects the objects for his images out of anthropological interest, examining the concepts and lifestyle of certain cultures. He photographs packages of goods, processed foods, cookware, and household items. Similar to an archeological photographic documentation, he brings the items into the studio, lighting them artificially, thus dramatizing them pseudo-scientifically. Pinkas plans each aspect of the shoot, constructing a festive faux universe, which actively takes part in the worship of the photographed object, while simultaneously ridiculing it. Pinkas’ preparation for his work commences long before the actual moment of photographing: he chooses, constructs, assembles and creates a structural set up, which will eventually become the object of the image. In fact, Pinkas is also a sculptor who directs objects in a space similar to a director working with actors on a movie set.
However, indirectly, beyond the artificial formulae, a world of need is created, in which the object is a myth devoid of meaning and man rotates around it in an invisible orbit, out of the frame.
Text: Tali Tamir, from the Young artist award catalogue, 2012.
Eyal Pinkas Fotografien basieren auf dem Verhältnis von realem Raum zum fotografischen Raum und den durch das menschliche Auge sowie die Sehgewohnheiten vorgegebenen Bedingungen der Wahrnehmung des Räumlichen im Zweidimensionalen. Seine Arbeitsweise greift unter anderemauf digitale Systeme zur Berechnung vonBildräumen zurück und kombiniert diese mit Studiosets aus dem Bereich der Produktfotografie.
Er ist nicht daran interessiert Dinge abzubilden, sondern beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und den Techniken des Fotografischen. Bei seinem Vorgehen steht somit im Vordergrund etwas Neues zu entwerfen und nicht etwas Vorhandenes zu reproduzieren, selbst wenn Gegenständliches eindeutig zu erkennen ist.
Pinkas nutzt zumeist Alltagsobjekte, häufig Massenprodukte aus Plastik, wie Gießkannen, Crocs-Schuhe, Verpackungen, Kinderspielzeug oder auch Schaltautomaten aus der Elektroindustrie. Diese arrangiert er sehr präzise: jeden Aspekt des Fotografierens plant er akribisch. Wir alle nutzen die Techniken digitaler Fotografie, machen uns jedoch selten Gedanken darüber warum und wie etwas funktioniert. Unsere Bilder sind scharf, geben in etwa die Farben wieder, die wir auch gesehen haben und wenn wir die gespeicherten Fotos bearbeiten wollen, dann steht uns hierfür eine Vielzahl von Programmen zur Verfügung. Pinkas greift, auf solche digitalen Systeme zur Berechnung von Bildräumen zurück und wendet sie auf Studiosets aus dem Bereich der Produktfotografie an.
Dadurch erreicht er beispielsweise in der Arbeit „Alternativer Frühling“ eine Art Allansichtigkeit des Objekts. Handelsübliche Gießkannen hat er jeweils in Stücke zerlegt, dann jedes Element einzeln fotografiert und im Anschluss die einzelnen Elemente digital zusammengesetzt. Hierdurch entstehen Verschiebungen und unterschiedliche Transparenzen. Ein wenig erinnert das Ergebnis an kubistische Darstellungen der klassischen Moderne: mit einem Blick sollten alle drei Dimensionen und zugleich die Lage des Objekts im Raum in zweidimensionaler Darstellung zu erfassen sein. In gewissem Sinne sind die Kannen also nackt, sie entblößen sich, zeigen alles, was sie sind. Ihre kräftige Farbigkeit entspricht derjenigen, durch die man Massenwaren im Allgemeinen auszeichnet, um sie zu etwas Besonderem zu machen.
Der Garten durchzieht bei Eyal Pinkas Arbeiten als durchgängiges Thema. Möglicherweise ist es der gestaltete Naturraum, für den er sich interessiert: sei es in Form der Gießkannen, wie in der Arbeit „Alternativer Frühling“ oder auch in den Serien „Tings that people should have as sculptures in their backgardens“ und in „Wooden Gardening“.
Mit „Tings that people should have as sculptures in their backgardens“ macht Pinkas bildhafte Vorschläge für die jeweils passenden Skulpturen in einer Gartenumgebung. Hierbei collagiert er Aufnahmen, die vor Ort in verschiedenen Gärten entstanden sind mit solchen, die er im Studio inszeniert hat und untersucht so das Verhältnis von Modell und realem Raum. Alltagsgegenstände werden in ihrer Objekthaftigkeit wie eine Skulptur behandelt, in der Überlagerung der identischen fotografischen Perspektive auf die jeweilige Größe des Gartens sowie der ihn umgebenden Architektur skaliert und in den Bildraum eingefügt.
In „Wooden Gardening“ seziert Pinkas Spielzeugfrüchte aus Holz und positioniert sie vor einem Set hölzerner Texturen, von verschiedenartig gewachsenen, gestalteten oder Holz imitierenden Fliesen, Panelen und Bodenbelägen. Der gestaltete Bildraum lässt den Betrachter im Unklaren: sowohl über die Größenverhältnisse als auch über den Raum. Selbst. Nicht nur in den bislang beschriebenen Arbeiten seziert und zerlegt Pinkas. Das Auseinandernehmen und neu Zusammensetzen durchzieht fast alle seine Arbeiten.
Somit befragt er nicht nur den Raum, sondern immer auch die Formgestalt der Dinge. Oft sind es wie gesagt Alltagsgegenstände. Pinkas verleiht Ihnen Einzigartigkeit und Charakter. In „Greenhouse“ beispielsweise zerlegt der Künstler ein Kleingewächshaus und setzt es in vielfachen Variationen wieder zusammen. Diese wurden eigens für den Augenblick der fotografischen Aufnahme konstruiert. Die temporären Skulpturen erinnern an Insekten, die ihr Inneres nach außen kehren – ganz so wie es bei den Gießkannen in „Alternativer Frühling“ zu beschreiben ist.
Pinkas künstlerische Beschäftigung mit temporären Raumskulpturen reicht in seine Zeit an der Gerriet Ritveld Akademie in Amsterdam zurück. Während seines Studentenjobs in einem Hotel schichtete er über Nacht die Einrichtungsgegenstände des Frühstücksraums immer wieder neu übereinander und lotete hiermit die Möglichkeiten der Objekte im Raum aus. Ähnlich geht er in der Arbeit „the landing“ vor, aufgenommen in verschiedenen Schlafzimmern, wo Matratze und Bettgestell zur Skulptur werden. In der Abfolge der Aufnahmen innerhalb der Serie, erinnern diese an die Landung eines interstellaren Raumschiffes.
Die Arbeiten von Eyal Pinkas stellen unsere Wahrnehmung von fotografischen Bildern auf die Probe. Das erreicht er durch Zitate aus der Produktfotografie und dem Zusammenspiel von realem Raum und Modell. Beim Betrachter entsteht eine Irritation über Größenverhältnisse und nicht zuletzt über die Orientierung in digital errechneten Räumen.
Text: Stefanie Kleinsorge, from the exhibition ‘TWO EXHIBITIONS – PHOTOGRAPHIC WORKS’, 2017.
Eyal Pinkas conjures uncanny objects through an algorithmic process of photo-merging. Multiple images of the chosen specimen are filtered through a software that calculates these unique formations, attempting to overcome the obstacle located in the middle of the image that could prevent the algorithm from combining the images into the single seamless entity it works towards.The result is an everyday, recognizable object suspended within a mundane environment. The two distorted and paired normalities create a temporal space within the frame of the image. Artificially determined by computer coding, their existence is at once precarious and autonomous, and therefore evoking curiosity.
Text about the work Klappkiste Allegorien, Still Magazine issue 6, 2018.
Eyal Pinkas (b.1980, Haifa, Israel) is a photographer and video artist based in Amsterdam. In his recent work, the artist takes everyday objects such as chairs and mattresses and dexterously manipulates them into fantastical yet elegant compositions, which he then photographs. The camera becomes the means by which to document these studies into the alternative identity of objects. By releasing these everyday pieces of furniture from their domestic responsibilities, Pinkas is transgressing traditional systems of classification and offering up alternative and compelling environments.
‘The Landing’ (2007), is a series of four photographs taken in different bedrooms, each featuring a physically contorted, displaced mattress. The wooden bed frame has similarly renounced its function and becomes another prop in a comic domestic adventure. In one of the photographs the mattress is impaled upon wooden pickets, in another the mattress bows and wedges itself comfortably within its tailor-made station. Under Pinkas’s scrutiny, in ‘The Landing’ such a graceless and unmanageable object becomes full of potential. It could equally be a landing pad prepared for an unknown arrival, or it has just landed, an awkward spacecraft that has somehow maneuvered itself into in its wall-papered hangar.
The often humorous quotidian theatre Pinkas stages within his photographs shares much of the lateral strategy and inventiveness associated with Richard Wentworth and Fischli & Weiss. Underpinning Eyal Pinkas’s photographs of playful, idiosynchratic assemblages is a logic by which the artist systematically studies the shifting identity of objects and subtly changes our understanding of them.
Eyal Pinkas completed his BA at the Gerrit Rietveld Academy, Amsterdam (2003-2007). In 2008, his work was included in ‘New Visions’, Kunsthaus Essen, Germany; ‘F/Stop’, 2nd International Photography Festival, Leipzig; ‘The Polaroid Show’, The Apartment Gallery, Amsterdam and he completed a site specific video installation at Ketelhuis, Amsterdam as part of ‘Filmisreal’, Israeli Film Festival.
Text: Leigh Robb, Taken from Saatchi Online Critic’s Choice, 2009.
